Der Vater der Kinder war schon tot. Mit einer verletzten Tochter im Arm humpelte die Mutter hinter ihrem kleinen Sohn her, der mit ihr auf der Suche nach einer Öffnung zum Abwasserkanal durch die Strassen irrte. Ihre Kleidung war zerrissen und ihre Köpfe und Gesichter verschmiert von Blut, Schmutz und Rauch. Man hörte deutlich das drohende Gebrüll einer Menschenmenge. Wie Pilze schossen plötzlich in der ganzen Stadt überall solche Gruppen von Menschen aus dem Boden. Die junge Witwe konnte kaum glauben, dass eine ehemals geringe Zahl von Extremisten, die mit der Überlegenheit ihrer Rasse und Religion prahlten, nun so vermehrt und stark war, dass sie jeden Beliebigen angriffen und töteten. Sie plünderten sowohl Häuser als auch Geschäfte und steckten alles in Brand. Die anderen, die ehrlichen und friedvollen, die vorher diese als Pöbel bezeichnet, ausgelacht und ihre Vorhaben und Ideen lächerlich gefunden hatten, schlossen sich ihnen nun aus Angst, oder auch aus Bequemlichkeit an, versteckten sich zu Hause, flohen oder wurden beraubt, verwundet oder getötet.
Der kleine Junge schrie plötzlich auf und blieb stehen. Seine Mutter hielt ihm mit der Hand den Mund zu. Bis jetzt hatte der kleine Junge keine derartig nackte Grausamkeit so direkt aus der Nähe gesehen. Eine Leiche voller Blut lag vor seinen Füßen auf dem Boden und versperrte ihm, der so früh Retter der Familie sein musste, den Weg.
»Sieh es dir nicht an, mein Sohn! Lauf!«
Erschreckt ging er an der Leiche vorbei. Seine Mutter, die bis jetzt hinter ihm herlief, blieb einen Moment lang stehen und sah sich die Umgebung an. Die Stadt hatte sich in eine wahre Hölle verwandelt. An jeder Ecke lag eine Leiche oder ein verwundeter Körper.
»Lauf! Guck die Leiche nicht an! Aber wenn dein Blick auf sie fällt, hab´ keine Angst! Die Getöteten tun uns nichts mehr an, mein Sohn. Vor den Lebendigen muss man Angst haben! Nur vor den Lebendigen!«
»Nein, ich habe überhaupt vor Niemandem Angst. Komm!«
»Wasser! Wasser! Gebt mir einen Schluck Wasser…«
»Hilfe! Hilfe…«
»Au, bringt mich zum Krankenhaus! Ich verrecke…«
Man hörte einige der Verletzten schreien. Der Junge blieb, von Mitleid erfüllt, stehen und sagte:
»Mama, die leben noch!«
»Lauf! Wir können ihnen nicht helfen. Sie kommen!«
»Helft mir, ich verblute, um Gottes Willen! Ich bin Arzt. Helft mir!«
»Ich bin nicht schwer verletzt, ich wurde nur von einer Kugel im Bein getroffen. Reicht mir die Hand…«
»Mama, lauf du weiter! Ich helfe ihm.«
»Nein. Geh nicht! Siehst du nicht, dass sie kommen?«
»…Fangt sie! Lasst sie nicht entkommen!«, brüllte einer der Verfolgern.
»Bieg´ bei der ersten Straße ab!«, rief die Mutter ihrem Sohn zu. Plötzlich wurde sie von einer Kugel getroffen und fiel zu Boden.
»…Was ist mit dir geschehen, Mama? Warum bist du gefallen?«
»Leg dich flach auf den Boden, damit die Kugeln dich nicht erwischen! Wir müssen vorwärts robben… Bravo, mein Lieber! So ist es gut! Weiter vorwärts robben!«
»Zeig mir, was mit dir geschehen ist, Mama!«
»Es ist nur eine Platzwunde. Beweg dich, mein Sohn! Dafür ist keine Zeit.«
»Es bringt nichts, Mama. Hör, die Kugeln! Tun wir so, als ob wir getötet worden wären!«»Noch ein kurzes Stück! Nur noch ein…«
Bevor die Verfolger kamen, lief die Mutter mit ihren Kindern von einer Straße zur nächsten. Einige Häuser standen in Flammen. Die Türen einiger anderer Häuser waren geschlossen. Sie blickte zu den Fenstern. Hinter ihnen bewegten sich Menschen.
»Mama, schellen wir bei Ihnen! Vielleicht macht jemand auf.«
»Das tun sie nicht, mein Sohn. Bevor sie kommen, laß uns laufen!«
»Warum öffnen sie nicht, Mama? Warum eigentlich nicht? Was haben wir ihnen angetan?«
»Was weiß ich! Sie werden so lange teilnahmslos bleiben und nur zuschauen, bis sie schließlich selber an der Reihe sind. Dann werden ihre Häuser, wie das unsere, in Brand gesetzt. Entweder werden sie geschlachtet, oder sie schließen sich ihnen an, wenn sie merken, dass sie unterlegen sind. Auf jeden Fall wollen sie jetzt keine Partei ergreifen, weder für uns, noch für die anderen.«
»Guck mal hier, Mama! Hier kann man hinein…«
Der Junge zeigte auf einen Gullydeckel.
»Nein, siehst du nicht, dass sie uns genau beobachten?«, erwiderte die Mutter.
»Zur Hölle mit ihnen! Laß sie uns beobachten. Du hast doch gerade gesagt, dass sie für Niemanden Partei ergreifen. Komm, wir heben den Gullydeckel hoch!«
»Laß uns noch ein Stück weitergehen, mein Lieber! Schau… dort gibt es keine Häuser mehr! Beeile dich!«
»Hier ist es gut. Bevor sie kommen, heben wir den Gullydeckel hoch, Mama!«
»Komm, verschwende keine Zeit! Dort ist es sicherer!«
Nachdem sie eine Weile in Richtung des Abwasserkanals der Stadt gelaufen waren, blieben sie vor einem Gullydeckel stehen und hoben ihn mit großer Mühe hoch. Das Gebrüll der Extremisten und das Pfeifen der Kugeln kamen immer näher. Der Pestgeruch der Kloake breitete sich aus, und die Stadt stank nach der überlegenen Rasse.